Auf dieser Seite erfahrt ihr einiges aus meinem früheren und heutigen Radsportleben, was mich sehr geprägt hat und mal abgesehen von den Stürzen, eine ganz tolle Zeit für mich war.
Ich würde fast alles wieder genauso machen!!!
Es fing 1986 auf der Radrennbahn im Andreasrieth in Erfurt an. Ich hatte dann eigentlich nur ein Ziel, die Sportschule und im Oktober 1988 bin ich auf der Sportschule in Erfurt gewesen. Darauf war ich zu diesem Zeitpunkt sehr stolz, denn es war vorerst mein größtes Ziel! Die Zeit verging und die Wende kam. Wir waren gerade auf der Berliner Winterbahn im November 1989 als wir erfuhren, dass die Grenze geöffnet wurde. Da ich ein sehr familiärer Mensch bin, hatte ich niemals darüber nachgedacht in den Westen zu gehen. Zeitgleich ist meine Oma „Bienchen“ gestorben, was für mich in den jungen Jahren ein sehr schlimmes Erlebnis war.
Mit der Wende kam auch die Zeit, in der sich bei jedem entschieden hat, welche Ziele ein jeder wirklich hatte. Es war eine schwere Zeit für Leistungssportler der DDR. Die Zeiten der Privilegien waren vorbei, ich musste tagsüber arbeiten gehen und danach trainieren. Zum Glück hatte ich nach meiner Berufsausbildung einen Arbeitsplatz bei "Emil" Kühn (ehemaliger Radrennfahrer) bekommen. Dadurch hatte ich wieder die Möglichkeit, richtig zu trainieren und auch zu Trainingslagern und Radrennen bzw. Rundfahrten zu fahren. Somit wuchs mein Leistungsniveau von Jahr zu Jahr und ich hatte die Chance, mich in der Nationalmannschaft zu etablieren. 1992 war dann meine 1. Weltmeisterschaft auf der Bahn in Valencia. Ab 1993war ich jedes Jahr auf der Straße dabei.
Ich ging dann 1993 für 8 Jahre zur Bundeswehr. Ich hatte also als Stabsunteroffizier die Ehre meinen Dienst, der sich fast ausschließlich auf den Sport bezog, zu beenden. Bei der Bundeswehr waren Top- Bedingungen für Hochleistungssportler. Ich konnte trainieren Tag und Nacht. Wir standen nicht unter finanziellem Druck, da wir über die Bundeswehr mit einem guten Gehalt jeden Monat ordentlich abgesichert waren. Einmal im Quartal sollten wir normalerweise einen Dienst absolvieren, aber auch das hat nicht immer geklappt, da wir fast nur unterwegs waren. Wir waren nicht traurig darüber!
1996 Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt (war die Überschrift in der Bildzeitung damals)! Eines meiner sportlich schönsten und erfolgreichsten Jahre überhaupt und das schlimmste Jahr für mich persönlich zugleich. Nach der Mallorca Rundfahrt im Mai, während ich auf dem Heimflug war, am 20.05.1996, starb meine geliebte Mutter. Das war ein riesiger Schock für mich und ich wusste absolut nicht, damit umzugehen. Am Tag der Beisetzung erfuhr ich, dass ich als einzige "Deutsche" zu den Olympischen Spielen in Atlanta nominiert worden bin. Ich war unendlich traurig und glücklich zugleich, kein Mensch kann das verstehen und nachvollziehen. Ich habe all die kommenden Rennen nur für meine Mutter gefahren, nicht für mich! Sie wäre sehr stolz gewesen... Die Bildzeitung hatte damals ihren Namen wieder alle Ehre gemacht: "Mutter stirbt vor Siegesfreude", damals hatte ich keine Kraft mich dagegen zu wehren...
Nach der Bundeswehr bin ich dann Profi geworden und gleich nach Italien gegangen. Im Team Acca Due habe ich nicht nur die italienische Sprache gelernt, sondern auch sehr viel Menschlichkeit und Wärme erfahren. Es ist meine 2. Heimat geworden. 1999 bin ich mit meiner Freundin Alessandra Cappellotto zum GAS Sport Team gewechselt. An Geld und Professionalität fehlte es dort nicht, im Gegenteil, aber aus meiner Sicht war es dort recht unpersönlich und schon gar nicht herzlich im Vergleich zum Acca Due Team!!! Ein Jahr später wechselte ich wieder zurück zur „meiner“ Acca Due Mannschaft.
2000 habe ich die olympischen Spiele in Sydney knapp verpasst. Außerdem habe ich in diesem Jahr meine schlimmste Erfahrung in diesem Sport gemacht. Bei einem Sturz bei regennasser Fahrbahn zog ich mir einen dreifachen Kieferbruch zu. Aber irgendwie habe ich das damals nicht so schlimm empfunden, es ging ein paar Tage später wieder auf das Rad..., schließlich wollte ich noch die WM in Lissabon fahren. Den Startplatz bei den Weltmeisterschaften im Lissabon hatte ich sicher in der Tasche. Es kam wie es kommen musste, Dauerregen in Lissabon. Mich hat das Feld nicht Berg hoch, sondern bergab abgehängt!!! Das hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch in keinem Rennen erlebt.
Mit meinem Wechsel zur Equipe Nürnberger 2002 hatte ich gedacht, es wäre noch einmal so die richtige Motivation. Leider war das Jahr aus sportlicher Sicht nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Auch der Umgang miteinander in der "Equipe" war nicht so, dass es Spaß gemacht hat. Dazu kam die Trennung von meinem damaligen Ehemann Stephan. Das alles hat irgendwie mein ganzes Leben durcheinander gehauen. Ich wusste nicht mehr was ich wollte. Wollte ich Radfahren um jeden Preis? Oder gibt es gar noch etwas anderes im Leben?
Im Jahr 2003 hatte ich es noch einmal ein paar Monate versucht mit meinem Team Acca Due , aber ich hatte ganz ehrlich "keinen Bock" mehr, mich zu quälen, zu schinden, dafür, dass ich trotzdem nur 2. oder 5. oder 3. werde.
Im Jahr 2003 kam für mich das "normale Leben" ohne den Sport. Ich muss sagen, es hat auch seinen Reiz. Am Wochenende ausschlafen zu können und nur das tun wozu ich Lust habe, einfach nur genial. Das kannte ich nicht. Kein Training am Sonntag, an Ostern, Weihnachten oder gar Neujahr. Bei Regen einfach im Bett liegen bleiben, ist das ein Luxus... Ich genieße es und bin froh, dass ich die Entscheidung so getroffen habe. Natürlich klopft mein Herz bei Weltmeisterschaften und vor allem bei Olympischen Spielen sehr hoch, aber wenn ich dann an den Aufwand, der damit verbunden ist denke, dann bin ich doch lieber Zuschauer!!! So ein wenig vermisse ich die ausgiebigen Massagen und das im Vergleich zu heute, stressfreie Leben aber doch...
Im Jahr 2005 habe ich die sportliche Leitung der Thüringenrundfahrt der Frauen übernommen. Leider war es genau das Jahr, als der tödliche Verkehrsunfall mit der australischen Radsportlerin Amy Gillett passierte. Spätestens in diesem Jahr hat die ganze Welt von unserer Thüringenrundfahrt erfahren. Ich finde es sehr schade, dass es tragische Schlagzeilen sein müssen, die uns bekannt gemacht haben. Die sportliche Leitung habe ich bis einschließlich 2009 sehr gern und mit viel Spaß inne gehabt..
Im Herbst 2009 stand ich vor der Wahl... Gesamtleitung übernehmen oder eine Thüringenrundfahrt 2010 und zukünftige gibt es nicht mehr. Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich nicht lange überlegt. Ich möchte nicht eines Tages sagen, wir haben nicht alles versucht. Es würde nicht nur eine einzigartige lange Tradition in Ostthüringen kaputt gehen, sondern auch eines der letzten großen internationalen Radrennen im Frauenradsport, das es überhaupt noch gibt. Es sind schwere Zeiten für den Radsport, vor allem für den Frauenradsport, denn wir können am allerwenigsten dafür, dass der Radsport einen solch schlechten Ruf bekommen hat.
Nun habe ich also die Verantwortung für die Rundfahrt übernommen und ich staune immer wieder, wie viel Arbeit an einer einzigen Woche Radrennen dran hängt....
Liebe Sponsoren, Mitarbeiter, Helfer, Fans und Freunde... Vielen Dank für die große Unterstützung! Ich hoffe wir arbeiten in gewohnter Qualität und so erfolgreich wie bisher noch viele, viele Jahre zusammen! Eure Vera
